So war's am 4.11. im Kaleidoskop- Text: Uwe Kullnick

 

NOVEMBER – und was man dagegen tun kann

 

 

 

Kalt, zugig feucht, nein eigentlich eklig nass war es und außerdem glitschig, rutschig und duster auf dem Weg ins Kaleidoskop am Montagabend. Was tröstete, war die Aussicht auf einen Abend im Künstlerkreis Kaleidoskop. Nach dem Ausschütteln der nassen Kleidung, dem „Hallo“ und wie „geht’s“, wurde es endlich 20:00 und es ging los. 

 

 

Ein Mann, eine Gitarre, Jeans, das richtige Licht und ein wundersamer Gesang in einer unzugänglichen Sprache verzauberten sofort die Zuschauer. Csaba Gál, der Veranstalter, sang ein Lied aus Ungarn und warf damit den Anfahrtsweg aus den Gedanken der Zuhörer, stimmte uns auf einen schönen Abend ein.

 

  

Dann wurde es lebendig. Aus den halblangen blonden Haaren von Ronny Weise rieselten kabarettistische Kostbarkeiten direkt ins Hirn der Zuhörer. Die geborene Sächsin und Meisterin in bayerischer Mundart ließ Schneeflocken diskutieren, die immer noch aufeinanderprallenden Geschlechterrollen kichernd aufmarschieren, machte sich über den Schönheitswahn lustig, nahm natürlich Fremdgehen mit auf ihre Dour de Barforce und hatte damit im Nu das Herz des Publikums gewonnen. Über den Gag mit den kinderlosen Müttern denke ich immer noch schmunzelnd nach. Besonders ihr vehementer, witziger Beitrag Raucher in Bayern, bei dem ein potentieller Raucher an einem Zigarettenautomaten der Zukunft versucht ein Packerl zu bekommen, riss die Raucher unter uns glücklich augenblicklich zur Begeisterung hin und zauberte den verbissenen Nichtrauchern auch ohne Raucherbronchitis einen Kloß in den Hals. Insgesamt war es ein gelungener Ritt auf dem Zeitgeist und auch das Bleed Glaufa traf nur auf die vom Spott Verfolgten zu. Nicht auf diesen Beitrag. 

 

 

Thea Dorado. Ja was soll man da sagen. Wunderbar verrückt, voller Tempo, Offenheit, und Frechheit las sie aus ihrem Buch Die Herbstzeitlose und nicht der Krokus vor. Worum es darin geht? Ganz einfach – um Sex. Sex Sells sagt man natürlich sofort, aber hier kam mal etwas Besonderes, Anderes und Überraschendes. Senioren-Erotik. Winkt nicht gleich ab. Ersten ist das in jedem Alter schön und zweitens haute Thea uns eine flotte Internet Liaison mit physikalischen Komponenten um die Ohren. 

 

 

Nun wurde es nach zweimal sächsisch/bayerisch RICHTIG bayerisch. MundARTissimo drehten richtig auf. Rupert Frank & Barbara Lexa brachten ihre Zungenbrechernummer mit Publikumsbeteiligung. Erwarte niemand von mir (armen hochdeutsch sprechenden Niedersachsen), dass ich den wirklichen Titel korrekt wiederhole, aber ich versuch es mal: Babbndraller-Bletschlzreisser oder so ähnlich. Festzustellen ist aber, alle lachten sich kaputt und gaben den ihnen aufgetragenen Refrain Ba Ba Baa mit Enthusiasmus an den richtigen Stellen wieder. Ich hatte dummerweise, obwohl ich inhaltlich einigermaßen mitkam, mit einem leichten zeitlichen Delay zu kämpfen, das mein Gehirn zwischen Rezeption und Perzeption erzeugte. Bleed Glaufa. Es folgten noch zwei andere Stücke, bei denen nicht nur Sprachakrobatik eine Rolle spielte, sondern auch Musikalität und Gesang als Solches schon ein Genuss waren. Den Abschluss bildete ein sprachlich-akustischer Donnerschlag. Der Plakatamanna-Reggae-Rap. Hört ihn Euch an. Er ist bestimmt bei Youtube oder ihr geht einfach demnächst in eine der Vorstellungen von MundARTissimo (immerhin haben sie beim bayerischen Kabarettpreis „Schnellertshamer Heugabel" 2011 den dritten Platz belegt.“

 

 

Bayerisch gings weiter. Bayrische Geschichten, von Veronika Faber und Henner Quest mit Bravour gelesen und mit Herz vorgetragen, zeigten wieder einmal, wie gefühlvoll, witzig und derb Mundart sein kann. Beim ersten Plot fühlte man sich an Fontane‘sche Kutschfahrten durch die Mark erinnert, nur, dass diese hier in Bayern stattfand und den Culture Clash zwischen Berlin und Oberbayern. Dann lernten wir, wie das Mitgefühl mit einem armen Vogerl, aus einem fiesen, gamaschentragenden Lackl einen netten, gebildeten Herrn werden ließ. Schließlich machte ein Stubentiger deutlich, dass eine Katze in den Gardienenstores ein wunderbares Abbild für den unterschiedlichen Harmonie- und Gemütlichkeitsanspruch von Ihr und Ihm sein kann. 

 

  

Dann kam der Altmeister, Conrad Cortin. Zusammen mit seiner Frau Katja war er der Vorgänger von Csaba beim Kaleidoskop. Auf der Bühne saß ein bekannte Kulturfels Münchens. Sein verschmitztes Lächeln ließ ahnen, das er uns nicht mit Dramen langweilen werde, sondern mit überraschenden Geschichten und Geschichtchen, Gedichten und Aphorismen, die zum Nachdenken, Lächeln, Lachen, Nicken oder zustimmendem Kopfschütteln anregen. Sei es eine Groteske über einen fliegenden Wal (Zeppelin), oder Gedichte, die zum Grübeln anregten und dazu Parallelen zum eigenen Leben zu erkennen lassen, oder freche, liebevolle und amüsante Aphorismen, die man sich in die Tasche stecken möchte, um sie bei Gelegenheit an anderer Stelle anzubringen. Hier mein Liebling aus der Fülle seiner Beiträge: Zu ihrem Glück muss man sie zwingen, alles andere macht sie freiwillig. 

 

 

Last but not ...

 

Ereilte uns der Ausschnitt aus einem autobiotherapeutischen Kabarett Programm, dass uns Andreas Hacker zuwarf. Auffangen mussten wir es selber und wir taten es mit Freude. Themen wie Religion, er persiflierte einen übertypischen Fernsehprediger, sehr gelungen; Fußball, hier ging es um dieses manchmal gruselige mir san mir, diesmal in einer Protzlounge der Allianz-Arena und den damit einhernervenden Abgründen der Oberen Etagen. Man erlebte sein Polt-ern für den Menschen und gegen den Dünkel. Zur Kenntnis und Erbauung plauderte er aus dem Nähkästchen seiner Waldhornbeblasung bei Beerdigungen, und wie man mit einem ständigen 40,-- DM Honorar-Strom auch zu einer Musikanlage kommen kann und obendrein wie einen - sowas kommt von sowas – letztendlich zu Edmund Stoiber (ent-)führt . Ja, ja, das Leben ist auch nicht immer leicht. 

 

   

Csaba tauchte wieder mit seiner Gitarre auf der Bühne auf, das Licht dimmte herunter und er verzauberte die Anwesenden mit seiner Musik und einem genau passenden Lied zum Ende der Veranstaltung.  

Danke an die Künstler, an Csaba Gál und an die Veranstaltung, die es geschafft hat den November für ein paar Stunden abzuschaffen und in sein ungemütliches, kaltes Draußen zu verdammen.

 

 

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