So war´s ... im Juni 2013

Tetx: Reinhard Ammer Fotos: Bertl Jost

Am Tag, da der Jahrhundertregen, der halb Bayern unter Wasser gesetzt hat, endlich Tropfen für Tropfen anfängt nachzulassen, begibt es sich aber, dass Conférencier Csaba Gàl in launigen Worten das geschätzte Publikum zur neuesten Auflage des Künstlerkreis-Kaleidoskops begrüßt und nicht versäumt, dem schlechtwettergestressten Wirt des gastgebenden „Wirtshaus am Hart“ für seinen Biergartenbetrieb Super-Wetter bis Ende Oktober zu wünschen. Ein Ansinnen, dem sich der ganze Saal, sicher auch eigeninteressegesteuert, bereitwilligst anschließt.

Den ersten Sonnenschein bringt ein Spätberufener auf die Bühne. Erst mit 62 Jahren entdeckte der im Saarland geborene Hans Ewald Rohe seine Liebe zur Poesie, und nun zieht er als Hans Märchendichter durch die Lande, um Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Angesichts des doch fortgeschrittenen Alters der allermeisten Anwesenden zieht er es allerdings vor, an diesem Abend Erbauliches und Aufbauendes statt Wunderbares und Wundersames zu Gehör zu bringen. Mit kräftiger, lebhafter Stimme erzählt er die Geschichte vom „Ende des Regenbogens“. Ein Mann jagt zeit seines Lebens nach einem „Schatz“ und entfernt sich immer mehr vom „wahren“ Leben. Allseits wachsen ihm die Scheuklappen, er wird einsam und verbissen. Schließlich stößt er beim Graben auf einen Spiegel, sieht hinein und – erschrickt. Man hätte nun diesen Mann erzählerisch so sehr erschrecken lassen können, dass er sagen wir an einem Herzinfarkt gestorben wäre, aber dafür ist Hans Märchendichter nicht zu haben. Er glaubt, und das darf man diesem honetten Mann wirklich abnehmen, an die Fähigkeit des Menschen, sich eines Besseren zu besinnen. Und so kommt sein Schatzgräber zu einer goldenen Erkenntnis: Alles Glück und aller Reichtum dieser Erde liegen in uns selbst! Nur, wer sich selbst liebe, könne auch andere lieben, so das Fazit. Warmer Applaus für eine warmherzige Geschichte.

Ein Frühberufener betritt die Bühne – Rudi Vietz. Mit 16 schrieb er die ersten Gedichte, mit 24 lernte er Gitarre, mit 53 startete er sein letztes Comeback, von dem er sagt, es werde bis zu seinem Lebensende dauern. Möge dieses doch bitteschön in ferner Zukunft liegen, damit man noch oft Vietzens in schönstem Niederbairisch gesungenen und listig-lustig vor sich hin mäandernden Gschichtn und Gschichtln lauschen kann, die von des Poeten und Sängers Gitarre auf gewitzte um nicht zu sagen gevietzte Weise garniert werden. (Mesdames, Messieurs! Quod licet Liedermacher, et licet Berichterstatter, kündigte doch das klampfende Urviech oder Urvietz himself ein mit englischen Einsprengseln versehenes Lied nicht nur als „Double-Feature“, sondern auch als „Doppel-Vietz-Show“ an! NB: Möge allen blasierten  Feingeistern die Zunge im Hals verdorren, die über solche Perlen des Sprachspiels die Nase rümpfen, herrgottnochmal!) „Her flair pulled me to her!“ – “I know who she (huschi huschi) is!” Rudi Vietz berichtet uns in seinem ersten Lied von einer “fascinating relationship to – Elfriede”, von einer Urlaubsbekanntschaft, die in Tunesien ihre Rente auf den Kopf haut. (Da haben wir sie wieder! Diese Elfriedes sind ohne allen Zweifel eine besonders umtriebige Spezies der Gattung „Weib“, man denke nur an Bill Ramseys lebenslustige „Elfriede“ in seinem Schlager von der „Zuckerpuppe“!) Wer denkt, solche Texte seien krampfhaft lustig, den belehrt der Barde eines Besseren – nein, sie seien es unfreiwillig, da sie alle aus dem prallen Leben - seinem Leben! - gegriffen seien. Prompt geht es im nächsten Lied um den gut geformten und beim Weibe auf gelindes Unverständnis stoßenden Bauch des Poeten, weshalb der Guitarrero unerschrocken singt: „Nimm mich, wie ich bin, und sag: I brauch di, zamt deim Bauch!“ Das Publikum jedenfalls nimmt Rudi Vietz, wie er leibt und lebt, und verabschiedet ihn mit dampfendem Applaus. Ab 27. Juni d. J. ist der Künstler bei den „3. NaturSchauSpielen Blomberg“ in dem Stück „Pension Nirvana“ in einer ihm auf den Leib geschriebenen Rolle als „Lebenskünstler“ zu sehen. (www.naturschauspiele-blomberg.de)

Bei der Ankündigung seines dritten Gastes bricht sich Conférencier Csaba die Zunge. Dreimal, mindestens. Kein Wunder, sieht doch sein ungarisches Mutteridiom nicht vor, Mund und Gaumen den das Bairische so ungemein schmückenden Diphthong „oa“ entlocken zu müssen. Der prangt aber schon im Titel eines amüsanten und sehr verdienstvollen Buches, das ein junger Mann mit dem standbildhaften Namen Maximilian Bildhauer geschrieben hat: „Munich Boazn“. Wie schön sich doch wieder das Englische und das Bairische verschwistern! Unter einer Boazn versteht man entweder einen Stehausschank oder eine kleine Kneipe, wo es auch ein bisserl was zu essen gibt. Beide Spielarten sieht der Autor aufgrund galoppierender Gentrifizierung und Verschickimickisierung traditioneller Arbeiterviertel bedroht, weswegen er sich, zumal unter notorischem „Dokumentationszwang“ leidend, daran machte, gut 40 Boazn im Stadtteil Giesing, wo er aufgewachsen ist, aufzusuchen und in Wort und Bild gebührend zu würdigen. Der Preis für den damit einhergehenden Bier- und Leberkäs-Genuss – 6 Kilo extra auf die Rippen! Da sitzt nun also ein in sich ruhender und mit seinem Käppi und dem ansehnlichen Schnauzer irgendwie aus der Zeit gefallener Kommunikationsdesigner vor einem Seidel güldenem Hellem, das er auch während seines Vortrags nicht verkommen lässt, und führt uns ein in eine heimelig-schummrige Welt, die für viele das zweite Wohnzimmer ist und in keinem Reiseführer vorkommt. Angenehm unaufgeregt und nüchtern – dochdoch! – macht er uns mit dem „Maibaumstüberl“, dem „Grandauer Fassl“, der „Hexenstubn“ und der „Giasinger Heiwag“ bekannt. Hier schreibt keiner von oben herab, da macht sich keiner lustig, da wird nicht gewitzelt, sondern man merkt Maximilian Bildhauer Satz für Satz seine Liebe zum behandelten Gegenstand an. Feuchtfröhlicher Applaus. Das Buch „Munich Boazn“ ist im Volk Verlag München erschienen und kostet schlappe 11 Euro 90 oder drei bis vier Halbe.

Nach der Pause und nach drei gutgenährten Mannsbildern federt gitarrenbewehrt ein schlankes Reh auf die Bühne – Carolin Schiebel, Singer und Songwriterin. Sie kann nicht nur formidabel musizieren, sondern auch formvollendet schweigen. In Magdeburg hat sie das Gebärdensprachdolmetschen gelernt. Heute aber steht sie ganz ruhig, ganz artig, fast züchtig da oben. Exzessives Agieren würde auch in der Tat nicht zu ihren Liedern passen, denn die Sängerin hat eine Botschaft, und die soll unbeeinträchtigt durch etwelche Effekthaschereien ihr Publikum erreichen. Sie lautet: Ändere dein Leben! Mach dein Ding! Steh auf! Geh keine geraden Straßen! Sei klug statt intelligent! Das bevorzugte Personalpronomen in Carolins Songs ist das „Du“. Also wir sind gemeint, wir alle. Nun, wir haben zumindest heute unser Ding gemacht. Statt auf Münchens Couches herumzukartöffeln, waren wir so klug, uns zu erheben, auf krummen Wegen einen abgelegenen Stadtteil aufzusuchen und dem „Künstlerkreis Kaleidoskop“ beizuwohnen. Unser Leben ist nun ein anderes, und vielleicht sind wir sogar über sieben Brücken gegangen. Carolin Schiebel hat es vorgemacht: Sie hat Querflöte und Gitarre gelernt, klassischen Gesangsunterricht genommen, eine Goldschmiedausbildung absolviert, die Frankfurter Musikwerkstatt im Fach Jazz/Rock/Pop-Gesang besucht, sie war Sängerin in einer Punkband, vom Gebärdensprachdolmetschen war schon die Rede, und in letzter Zeit hat sie sich dem Blues zugewandt. Von so jemand lassen wir uns gerne in Liedern mit Titeln wie „Unkonventionell“ und „Deine Reise“ auffordern, unkonventionell zu sein und uns auf die Reise zu machen, selbst wenn dies hieße, mit allen Konventionen brechen und ins Unbekannte hinausgondeln zu müssen. Applaus nach Art des Hauses für einen anmutigen und gekonnten Auftritt!

Charmant geleitet Conférencier Csaba eine 91-jährige Dame auf die Bühne. Theodora Diehl ist die älteste Tochter von Theo und Julia Prosel. Ihr Vater war von 1935 bis 1950 der Wirt der legendären Schwabinger Künstler-Kneipe „Simpl“. In diesem Alter hat man viel zu erzählen, aber Theodora Diehl hat besonders viel zu erzählen. So viel, dass ihre Tochter vor vier Jahren, als sich die Mama einen Computer zulegte, meinte: „So, jetzt musst du deine Memoiren schreiben!“ Gesagt, getan! Herausgekommen ist das im Eigenverlag erschienene Buch „Nur der Not koan Schwung lass´n“ (zu bestellen unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), aus dem die Autorin, meistens in freier Rede, vorträgt. In wildem Parforce-Ritt geht es quer durch das letzte Jahrhundert. Oral history at its best! Geburten, Hochzeiten, Todesfälle, Umzüge, Vertreibung, Bombennächte, Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Nazi-Herrschaft, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Währungsreform, Brixen, Sibirien, Wien, Linz, München, Schwabing, alles dabei, gut gewürzt mit Anekdoten. So habe der Vater einst lauthals verkündet, der „Adolf“ habe ihm den „Simpl“ gekauft, und als alle erstaunt bis pikiert geschaut hätten, habe er knochentrocken nachgeschoben, der Adolf Gondrell sei es gewesen! Das war nämlich der beste Freund des Vaters, heute noch bekannt für sein Straßenbahn-Minidrama „Ein Wagen von der Linie 8“. Kurz vor seinem Tod habe der Vater auch noch gemeint, eines Tages werde man ein Scheißhäusl nach ihm benennen, es sei nun aber, so die Tochter, doch ein veritabler „Theo-Prosel-Weg“ geworden. Hoch in Form und locker (nicht vom Hocker!) unterhält Theodora Diehl ihr gebanntes Publikum. Herrschaften, wenn das In-die-Jahre-kommen so aussieht, dann her mit dem Alter! Und was haben die Leute eigentlich immer gegen weiße Haare? Frisch gezapfter Applaus vom Fass für eine kreuzfidele Zeitzeugin des verflossenen Jahrhunderts.

Sechs Jahre alt, sieben Mitglieder, jede Menge Instrumente, Stilrichtung: Bayerischer Folk –Mimulus Bavarikus! Zu deutsch: das bayerische Schauspielerlein. Es handelt sich hier um eine typisch niederbairische Untertreibung. Günter, der Frontmann, lässt es gleich richtig krachen und erzählt zorngerötet, er habe auf der Herfahrt sein Navi zum Fenster rausgeschmissen, weil es nicht gescheit dirigiert habe. So ist es richtig! Keine Nachsicht gegenüber wildgewordenen Maschinen! Überraschend zart dann jedoch das erste Lied. „Freiheit“ heißt es und ist eine Hommage an den bayerischen Frühling. Gitarren und Geigen, Harfe und Drums weben einen wundersamen Klangteppich und lassen blaue Bänder und ungeahnte Düfte aus den Biergläsern aufsteigen. Wenn schon draußen kein Lenz ist, dann zieht er jetzt wenigstens ins Gemüt ein und zupft an unseren verborgensten Saiten. „A Freiheit is dees, was i grad gschpür, Ende April, um sechs in da Friah!“, singt Günter. Es ist einfach schön. Weniger erbaulich ist das, was uns die Band im Song „Koa Zukunftsplan“ vorspielt. Eine Frau verlässt Ehemann und Kinder zwengs einem Anderen und weil sie „vor Liebe blind“ ist. Der Gehörnte belässt es bei Trauer und Vorwürfen und singt ein Lied. Vielleicht ist der bayerische Mann aufgrund von auch in diesen Gauen stattgehabten Zivilisierungsprozessen doch nicht mehr ganz der gleiche wie noch vor 90 Jahren. Da schrieb nämlich die aus dem Bayerwald stammende Emerenz Meier in ihrem Gedicht „Wödaschwüln“ über einen Bauersmann, dem ein Nebenbuhler „das Mensch“ ausgespannt hatte: „... und wann i´n ned derstich, den Hund, den schlechtn, straf mi God!“ Ach ja .... Dann geht´s aber doch ganz ganz harsch zur Sache. In dem Lied „Dees hoaßt pfiat di und ned tschüss!“ wird allen zwiderwurzigen Tschüsslern im schönen Bayernlande eine Watschn verpasst, dass es eine Art hat. Ja, pfiat di God, scheene Bäuerin! Da legst di nieder und stehst nimmer auf. Naja, man klönt, äh, schmàtzt ja bloß! Zum Schluss versöhnt Mimulus Bavarikus entsprechend der altbayerischen Maxime „Zuaschlagn und Streichln“ alle Gemaßregelten mit dem Lied „Es werd scho wieder alles guad“. Wunderschön die Instrumentierung. Eine tin whistle verzwittert ganz und gar sehnsuchtsvoll bayerische mit irischen Klängen. Sauber intonierter Applaus mit Föhnwind im Abklang.  

Es war wiederum ein großer Abend für das Kaleidoskop. Nun ist Sommerpause. Im Oktober sieht man sich auf ein Neues.

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